Zum [r]-Laut im Saterfriesischen

Von Henk Wolf

Obwohl Saterfriesisch dem niederländischen (West)Friesisch in manchen Hinsichten stark ähnelt, offenbart es dem westfriesischkundigen Sprachenliebhaber auch ständig wundervolle ‘exotische’ Eigenschaften. Eine davon ist der saterfriesische Umgang mit dem R-Laut.

Rechtschreibung

Wie im Westfriesischen ist im Saterfriesischen die vorherrschende Variante des R-Lauts das Zungenspitzen-R. Auch wie im Westfriesischen wurde dieses R im Silbenauslaut unmittelbar vor den alveolaren (‘Zahn-‘)Konsonanten /s/, /z/, /t/, /d/ gestrichen. Die westfriesische Rechtschreibung richtet sich hier nach dem etymologischen Prinzip: das längst verschwundene [r] wird konsequent geschrieben, wie folgende Wortbeispiele zeigen:

  • oars [oəs] ‘anders’
  • ferzen [fɛ:zn̥] ‘gefroren’
  • koart [kwɑt] ‘kurz’
  • wurd [vYt] ‘Wort’

Für diese etymologische Schreibweise spricht einiges, wohl an erster Stelle, dass die Worterkennung durch die verwandten Wortformen in den Kultursprachen Niederländisch und Deutsch erleichtert wird. Die saterfriesisischen Autoren gehen hier anders vor: vor /s/ und /z/ wird in der Regel etymologisch buchstabiert, vor /t/ und /d/ ist die Aussprache entscheidend:

  • uurs [uəs] ‘anders’
  • fäärzen [fɛ:zn̥] ‘gefroren’
  • kut [kut] ‘kurz’
  • Woud [vout] ‘Wort’

Das [r] wird zum [d]

Viel interessanter ist, dass das [r] im Silbenauslaut sich vor einem [n] zum alveolaren Plosiv entwickelt hat. Im westfriesischen tritt [r]-Synkope vor allen alveolaren Konsonanten auf. Diese unterschiedlichen Entwicklungen ergeben unter anderem folgende Unterschiede:

Saterfriesisch:            Westfriesisch:            Deutsch:

  • bäiden [bejdn̥]            bern [bɛ:n]                 ‘Kind’
  • ietenst [i.tn̥st]             earnst [jɛ̃:st]               ‘Ernst’

Das [r] wird zum [g]

Die beiden friesischen Varianten haben die altfriesische Brechung größtenteils erhalten. Dieser Wandel hat steigende Lautreihen wie [jo], [jɑ] und [ju] ergeben. Im Westfriesischen hat sich vor solgenden Brechungslauten das [r] im Anlaut erhalten, während das Saterfriesische es durch [g] (oder bei manchen Sprechern durch [ɣ]) ersetzt hat:

Saterfriesisch:            Westfriesisch:            Deutsch:

  • gjucht [gjʊχt]             rjocht [rjoχt]               ‘recht’
  • gjome [gjo:mə]                                              ‘Riemen’

Das [r] wird gestrichen

Während der komplexe Silbenanlaut [trj] im Westfriesischen relativ häufig vorkommt, wurde dieser im Saterfriesischen tjoo ‘drei’ größtenteils zu [tj] vereinfacht, indem das [r] gestrichen wurde. Andere Wörter mit dieser Anlautreihe habe ich nicht finden können. Auch in anderen komplexen Anlautreihen kann das [r] verschwinden.

Saterfriesisch:            Westfriesisch:            Deutsch:

  • tjoo [tjo:]                    trije [trɛjə]                  ‘drei’
  • gjouwel [gjouwl̥].     grouwel [grouwl̥].     ‘Ekel’

Ein neues [r] entsteht aus [əd]

Interessant ist auch, dass nicht nur alte [r]-Laute durch [d]-Laute ersetzt wurden, sondern, dass sich auch eine Veränderug in die Gegenrichtung durchgesetzt hat. Dies ist mir bei den Demonstrativpronomen für jene aufgefallen. Diese haben sich aus den bestimmten Artikeln entwickelt, dem das Präfix ke- angehängt wurde:

  • krie [kri.] < kedie < ke + die ‘jener’
  • krän [krɛn] < kedän < ke + dän ‘jenen’
  • kru [kru.] < keju < ke + ju ‘jene’ (weiblich)
  • krät [krɛt] < kedät < ke + dät ‘jenes’

Eerder verschenen op het blog van Henk Wolf.